Gedanken zum 40. Todestag des Heiligen Óscar Romero

Romero (c) Vatican
Romero
Di 24. Mär 2020
Yasmin Raimundo Ochoa

Heute ist es 40 Jahre her. Am 24. März 1980 gegen 18.15 Uhr wurde Óscar Romero in einer kleinen Krankenhauskapelle in der Hauptstadt El Salvadors am Altar stehend erschossen. Ein Moment der Verletzlichkeit, die Tür der Krankenhauskapelle stand offen und Romero sah wahrscheinlich seinen Mörder und wusste, dass er nun sterben würde. In den Tagen davor hatte er zu einem Freund noch gesagt: «Niemals habe ich das Leben so sehr geliebt. Ich möchte ein wenig mehr Zeit, ich bin nicht zum Märtyrer berufen.»

Diese Worte sagen viel über Óscar Romero aus. Sie zeigen ihn von seiner menschlichen und verletzlichen Seite, sie sprechen von seiner Liebe zum Leben, das für ihn mit der Liebe zum Volk und zu den Menschen verbunden war. Und sie sprechen von seiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden und gleichzeitig von der Vorahnung, dass sein Einsatz für Menschenrechte in El Salvador die große Gefahr birgt, ermordet zu werden. Sein Amt als Erzbischof von San Salvador, als Vertreter und Oberhaupt der Kirche in El Salvador, nutzte er radikal dafür, nicht um seine eigene Sicherheit besorgt zu sein und sich abzuschotten, sondern die christliche Botschaft in die historische Situation seines Landes von Unterdrückung und Gewalt hinein zu aktualisieren und sich auf allen Ebenen für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen: «Die Kirche ist keine unantastbare Festung, sondern sie verkörpert die Nachfolge jenes Jesus Christus, der inmitten der Welt lebte, arbeitete, kämpfte und starb. Der Gott, zu dem wir uns bekennen, ist kein toter Gott, er ist ein lebendiger Gott, der den Schmerz von Gefolterten und Sterbenden mitempfindet.» Diese Botschaft lebte er selbst in der Nachfolge Jesu in aller Konsequenz bis zum Tag des 24. März 1980. Mit seinen Predigten und seiner prophetischen Stimme der Gerechtigkeit, die durch das Radio alle Menschen im Land erreichte, hatte er sich angreifbar und verletzlich gemacht, stellte er sich klar auf die Seite der Armen und Unterdrückten und erlitt schließlich selbst das ungerechte Schicksal von vielen unschuldigen Menschen des Volkes. Er sonderte sich durch sein Amt, seine Stellung und die damit verbundenen Privilegien nicht ab, sondern nutzte diese um sich für die Wahrheit einzusetzen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Vereinten Nationen den 24. März im Gedenken an Romero zum Internationalen Tag für das Recht auf Wahrheit über schwere Menschenrechtsverletzungen ernannt hat (Right to Truth Day).

Wo wäre Romero heute, in dieser außerordentlichen Situation, in denen ein Virus die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt und Rückzug und Isolation verursacht und große Teile des öffentlichen Lebens zum Erliegen bringt. Der Präsident von El Salvador hat für einen Monat den Notzustand ausgerufen, Militär und Polizei versuchen mit Gewalt, Menschen von den Straßen fernzuhalten, Reporter*innen dürfen nicht darüber berichten und werden mit allen Mitteln eingeschüchtert, viele Menschen erhalten keine wahren Informationen über die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse des Virus, sondern werden durch öffentliche Panikmache und Drohungen gezwungen, zu Hause zu bleiben. Besonders hart trifft das die Menschen, die sowieso schon in absoluter Armut leben oder sehr stark am Existenzminimum und deren Leben auch vor Ausbruch des Coronavirus täglich bedroht war. Insgesamt ist durch diese Maßnahmen die Stimmung in El Salvador aufgeheizt. Es wird vor allem gegen arme Menschen gehetzt, die sich nicht daran halten zu Hause zu bleiben und noch weiterhin versuchen, ihren Hungerlohn zu verdienen und die zu Hause kaum oder gar kein fließendes Wasser haben, um sich die Hände zu waschen. Menschen aus der Mittelschicht, die in sichereren Arbeitsverhältnissen arbeiten und von zu Hause aus arbeiten können und die reiche Oberschicht, sehen ihr Leben in Gefahr und erwarten, dass arme Menschen dieses schützen. Doch wie dreist ist es, wenn ohne Corona, das Leben der armen Menschen auch nichts wert ist und von den Privilegierten und Mächtigen nicht geschützt wird? Warum sollte dies nun umgekehrt geschehen? Denn wer arm ist, kann nicht nur an Corona sterben, sondern stirbt vor allem am fehlenden Zugang zu medizinischer Versorgung, an frühzeitiger Alterung und körperlicher Gebrechlichkeit aufgrund von Ausbeutung und harten Arbeitsbedingungen, an Gewalt, an Verkehrsunfällen – die Liste ließe sich weiterführen. Und auch in Deutschland zeigt der Umgang mit Corona, dass Menschenrechte einfach so ausgesetzt werden können, quasi in Quarantäne geschickt werden, z.B. mit der Entscheidung, die humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen auszusetzen und die Menschen an den Grenzen Europas und in den griechischen Flüchtlingslagern sich selbst zu überlassen. Corona zeigt, wer es wert ist geschützt zu werden und wer nicht. Auch wenn es sehr sinnvoll erscheint, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, kann direkte Gewalt durch das Militär in El Salvador oder indirekte Gewalt durch politische Maßnahmen und Aussetzung der Flüchtlingsaufnahme in Deutschland und Europa, nicht gerechtfertigt werden. In dieser Logik soll das Leben derer geschützt werden, die nützlich für das System sind und Kapital oder den richtigen Pass besitzen. Die Anderen können Glück haben und hoffen, denn das Virus verursacht keine so hohe Todesrate und die katastrophale Situation in den Flüchtlingslagern scheint mindestens ebenso bedrohlich und gefährlich, genauso wie die Gefahr an Hunger und Armut und anderen Krankheiten zu sterben, wenn man sowieso schon fast nichts besitzt.

Romero hätte seine Stimme dazu genutzt, genau das anzuklagen. Die Atemschutzmasken vor dem Gesicht lassen die Masken eines neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems fallen und es zeigt sich noch deutlicher, wer einen Wert in dieser Weltanschauung besitzt und wer nur Abfall für das System ist. Für Romero war dies schon damals ein Skandal und wäre es heute auch noch, denn diese Haltung ist nicht mit dem christlichen Menschenbild und der Option für die Armen vereinbar. Auch ein Virus und Schutzmaßnahmen können die Menschenrechte nicht pausieren lassen bis bessere Zeiten kommen. Oder mit den Worten Romeros: „Die Kirche ist keine unantastbare Festung […]“, aber die Würde des Menschen ist auf jeden Fall unantastbar! Das erinnert in diesen Tagen besonders an die Karwoche: Während sich die einen in Unschuld die Hände waschen, hängen andere unschuldig am Kreuz...Romero hat bis zuletzt sein Leben genau für diese Menschen eingesetzt, die jetzt angesichts einer weltweiten Gesundheitskrise aus dem Blick genommen werden:

«Transzendenz bedeutet nicht: zum Himmel schauen, an das ewige Leben denken und über die Probleme der Erde hinweggehen.
Vielmehr handelt es sich um eine Transzendenz, die dem menschlichen Herzen gilt. Sie bedeutet, sich auf das Kind, auf den Armen, auf den in Lumpen Gekleideten, auf den Kranken einzulassen, in die Elendshütten und Häuser zu gehen und mit ihnen allen zu teilen.
Transzendenz bedeutet, aus der Mitte des Elends selbst diese Lage zu überschreiten, den Menschen zu erheben, ihn voranzubringen und ihm zu sagen:
Du bist kein Abfall, Du gehörst nicht an den Rand. Das Gegenteil ist der Fall: Du hast eine große, große Bedeutung.»

40 Jahre ist es her und Romero hat uns sein Erbe hinterlassen, die Stimme der Gerechtigkeit, die auch vor über 2000 Jahren oder am 24. März 1980 nicht getötet werden konnte. ¡Romero vive! Romero lebt!

(Alle Zitate von Romero in diesem Text sind der Adveniat-Sonderausgabe zu Romero (2018) entnommen.)
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Yasmin Raimundo Ochoa
Pastoralreferentin

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